Wasserlösliches Gestein? - Für Flora und Fauna im Gipskarstgebiet alle Sinne geschärft

Herder-Schüler erwandern Biosphärenreservat vor der Haustür

Steter Tropfen höhlt den Stein – Das den Wert von Beharrlichkeit und Durchhaltevermögen vermittelnde Sprichwort besitzt seit Kurzem für die Sechstklässler um Klassenlehrerin Sybille Hartmann des Herder-Gymnasiums eine weitere Bedeutung, die ihnen bei einer Wanderung durch die Gipskarstlandschaft um Niedersachswerfen vor Augen geführt wurde.

Fliegenragwurz auf dem Mühlbergplateau

Warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah. Das dachte sich auch Sybille Hartmann, als sie von ihren Schülern erfuhr, dass sich diese im Rahmen des Geographieunterrichts mit Gipskarstgebieten beschäftigten. Dieser nicht unbedingt weit verbreitete Landschaftstyp weist Gipsgestein oberflächennah auf, gibt zahlreiche Karsterscheinungen preis und liegt den Jungen und Mädchen des Landkreises Nordhausen quasi zu Füßen.  Ihnen das vor Augen zu führen, diesen Naturschatz bewusst wahrzunehmen und dessen Vielfalt lokal kennenzulernen, war ihr Anliegen. Dazu holte sie sich eine Expertin, die ihr nicht das erste Mal zur Seite stand, Elke Blanke, ihres Zeichens Leiterin der Unteren Wasserbehörde, und organisierte im Rahmen eines Wandertages eine Exkursion.    
„Zugegeben, die Temperaturen wären auch für einen Besuch im Freibad geeignet gewesen“, resümiert die Klassenlehrerin der 6/3 des Herder-Gymnasiums. Sie aber umrundeten den Mühlberg bei Ilfeld und wurden auf dieser Entdeckertour mit einer großen Formen- und Artenvielfalt der heimischen Natur belohnt. Entlang der Bere und an der Nordseite des Mühlberges bis zum Tanzteich gab es Flora und Fauna zu bestaunen, aber auch Wissenswertes zur Gipskarstlandschaft und deren Entstehung. Die Schüler hörten die Sage vom Tanzteich und eroberten die Natur mit allen Sinnen. Mit Tommy, Begleiter Elke Blankes, machte es ihnen doppelt so viel Spaß.

Klassenfoto der 6/3 während der Wanderung mit Tommy

Sie erfuhren Wissenswertes über Fledermäuse und Wildkatze, die im Südharz heimisch sind und rund um die Erhebung des Mühlberg-Himmelsberg-Massivs geeignete naturnahe Lebensräume vorfinden. Aber auch der Blick für die kleinen Dinge des Lebens wurden geschärft. Die Beobachtung von Libellen und Schmetterlingen und deren Raupen begeisterte alle Teilnehmer. Erläuterungen zur Waldbewirtschaftung und Baumartenzusammensetzung an der Steilkante des Bremsberges mit seinen Laub-Mischwaldbeständen verdeutlichte den Kindern die Besonderheiten der Wälder auf Gips. Die großen Wildkirschen sorgten für Staunen, waren sie doch in ihrer Dimension den Kindern aus ihren heimischen Gärten so nicht bekannt. Aber auch die Elsbeere wurde bestaunt, ein Baum, der die warmen und trockenen Regionen liebt und offensichtlich im Südharz temporär ideale Wuchsbedingungen findet.

Auf dem Plateau zwischen Mühlberg und Himmelsberg angekommen, wurden seltene Pflanzen bestaunt, Orchideen, Türkenbundlilie und das Brillenschötchen thematisiert. Eifrig diskutierten die Schüler über die Notwendigkeit der Landschaftspflege. Das Thema war den Schülern nicht fremd und einige konnten Erfahrungswerte einbringen. So erzählte Philip D., dass sein Onkel mit seinen Schafen die Umgebung von Windehausen beweidete und leider seine noch verbliebene Herde aus gesundheitlichen Gründen abgeben musste. Welche Konsequenzen das für die Landschaft bedeutet, wurde anhand der Kulturlandschaft mit dem Magerrasen auf dem Mühlbergplateau deutlich. Dort sind, wie andernorts, Wiesen, die nur noch mittels manueller Pflege vor der Verbuschung und damit dem Verlust der Artenvielfalt gerettet werden können. Vielleicht, so die Hoffnung Elke Blankes, werden ja mit Hilfe der Fördermittel für das Hot Spot-Projekt im Gipskarst auch neue Finanzierungsquellen für die Schäferei eröffnet.      
Der Rückweg offenbarte den Blick auf die offene Wunde des Kohnsteins. Einige Schüler äußerten dabei den Wunsch, dass das Mühlberg-Himmelsberg-Plateau vom zukünftigen Gipsabbau verschont bleibe. „Das wäre ja grässlich“, fügt eine Schülerin hinzu, „wenn noch mehr abgebaggert und das alles verschwinden würde.“

Etwas geschafft wirkte die Schülergruppe am Ende schon, doch „die Kinder haben wacker durchgehalten“, konstatierte die Klassenlehrerin stolz. Mehr noch, sie wissen um den wasserlöslichen Gips in der Karstlandschaft, um den Stein, der eine einmalige Landschaft und Botanik schuf, und damit kostbaren Lebensraum, den es zu schützen lohnt.

[Heike Roeder]