Blogger und Comedy-Chronist Schlecky Silberstein über Datennutzung im Internet

Extra-Veranstaltung für Schüler der Klassenstufe 11 am Herder-Gymnasium im Rahmen der Reihe Herder liest

Er spricht das aus, was viele vermuten, andere verdrängen oder manche gar nicht wissen: Das Internet ist ein gefährliches Pflaster. Mehr noch, er provoziert. Der Titel des Buches, das Schlecky Silberstein vorstellt, stachelt auf: Das Internet muss weg! Dass dies zur Diskussion reize, wisse er und wolle er, so der seit mehr als zehn Jahren aktive Blogger und Youtuber. Und damit traf er genau den Nerv seines, für ihn bisher jüngsten Publikums. Genau wie dieses gab er in einer Fragerunde bereitwillig Auskunft darüber, wann, wie oft, wo und wie er soziale Medien privat nutze. Dass sich diese für ihn beruflich geradezu als existenziell erweisen, ist mit Blick auf sein Betätigungsfeld nachvollziehbar. Als gelernter Comedy-Autor brachte er 2016 mit Unterstützung der Mediengruppe funk die erste Früh-bis-Late-Show des Internets, die ausschließlich auf Facebook stattfindet und täglich von mehr als einhundert-tausend Nutzern angesehen wird. Sein Blog „Schlecky Silberstein“ widmet sich dem normal Anormalen des Lebens, denn er schreibt über alles, „was so behämmert, inspirierend, klug, dumm und komisch ist, dass es unbedingt mal auf einem einzigen Medium gesammelt werden muss“, kommentiert es Silberstein selbst auf seiner Website. Seine Karriere hat er also mit dem Netz gemacht.

Blick ins Publikum

Mit seinem im März erschienen Buch animiert der Blogger zum bewussten Umgang mit dem Internet sowie den eigenen Daten und setzt sich für eine digitale Ethik ein. Ein Jahr lang recherchierte er, wie Google und Facebook arbeiten, und führte das nun dem jungen Publikum vor Augen. So geben Likes Auskunft über die eigene Person und ergänzen damit Erhebungen von Datenhändlern bzgl. des Nutzer- bzw. Kaufverhaltens. Am Beispiel eines willkürlich zusammengestellten Datensatzes erklärte Silberstein die professionelle Erstellung eines Nutzerclusters, verzichtete jedoch auf umfangreiche mathematische Querverbindungen und Korrelationen. Deutlich hob er aber die Abhängigkeitsmechanismen hervor, mit denen die Social Media arbeiten, und veranschaulichte dies mit einer Spielsucht am Automaten. Als wirklich gefährlich erachtet der Autor aber Heat Speech, da „Wut aus irgendeinem Grund Aktionstreiber Nummer Eins ist und damit viel Geld verdient wird.“ Beispielhaft führte er dies mittels fake news im amerikanischen Wahlkampf sowie dem nach dem Breivik-Attentat ermittelten Facebook-Algorithmus des Norwegers auf die Spitze, um sogenannte Filter-Blasen zu erklären.

Schlecky Silberstein erklärt die sogenannten Filterblasen

Auch Fragen, die über das Buch und damit verbundene Anliegen hinaus gingen, konnten gestellt werden. So klärte Silberstein über sein Pseudonym auf und gab Auskunft darüber, warum und wie man Blogger wird.
Auf einen klassischen Lesebeitrag verzichtete der 37-Jährige zugunsten einer medialen Unterstützung, einer mitreißend intonierten Sprache, des freien Wortes sowie einer stützenden Gestik. So verstand er es, bei den in der durch die Mittagssonne aufgeheizten Aula sitzenden Schüler für das Thema zu interessieren und sie mittels anschaulichen Beispielen, aber auch theoretischen Inputs regen Anteil nehmen zu lassen und das auch zu signalisieren.

Kein pauschaler Internetgegner - der Blogger Schlecky Silberstein. Er fordert aber dazu auf, sensibel mit den eigenen Daten umzugehen.

So tiefgründig habe man sich bisher nicht mit der Funktionsweise des Internets beschäftigt und sich auch nicht wirklich gefragt, warum eine Nutzung von Google, Facebook und Co quasi kostenlos angeboten werden könne, so die einhellige Meinung am Ende der Veranstaltung. Als interessant, vielschichtig und unternehmerisch denkend, aber auch erschreckend empfanden zahlreiche Teilnehmer die Erkenntnisse, mit denen sie noch diskutierend die Aula verließen.

[Heike Roeder]