Stolpersteinverlegung 22. März 2018

Herder-Gymnasiasten sponsern Stolperstein für Nordhausen und übernehmen Patenschaft

Weiße Rosen und Messingtafeln für Reichardt, Warburg und Frohnhausen

Im Nieselregen steht eine kleine Gruppe auf der Rautenstraße, schaut gebannt auf einen kleinen Aushub im Bürgersteig und beobachtet jeden Handgriff, den der in der Mitte befindliche Herr am Fußboden vollzieht: Er setzt einen kleinen Stein, schlemmt ihn ein, verfüllt und putzt die goldfarbene Oberfläche blank. Bei dem Herrn handelt es sich um Gunter Demnig, den Initiator des Stolperstein-Projektes. Er ist bereits mehrfach in Nordhausen gewesen und verlegt/e im Auftrag der Stadt sowie verschiedener Interessengruppen kleine, ca. 9,5 x 9,5 cm große und mit Messing beschlagene sowie mit Gravur versehene Granitsteine. Seit 1992 erweist sich die europaweite Stolperstein-Aktion als ein persönliches Anliegen des politischen Künstlers, der seine Steine liebevoll „kleine Gedenktafeln“ nennt. Nach jahrelanger Recherche und Abstimmung im Rahmen der städtischen Erinnerungskultur wurden 2004 die ersten vier Stolpersteine für Nordhausen gesetzt. Ende 2017 kann die Stadt auf fünfundzwanzig Steine verweisen.

Einige Gäste der Steinsetzung in der Rautenstraße

Und genau diese Steine interessierten und faszinierten vier Schüler bzw. Schülerinnen des Herder-Gymnasiums. Ihnen fielen einige der kleinen Messingtafeln auf. In Gesprächen und Beobachtungen wurde ihnen aber bewusst, dass zahlreiche Mitschüler diese bisher gar nicht wahrgenommen hatten. Das war Anlass für Anny-Katarina Samel, Viktoriya Dorofeeva, Florian Sickert und Hannes Gerstenberger sich mit diesem Thema im Rahmen ihrer Seminarfacharbeit zu beschäftigen, über das Projekt zu informieren und zu untersuchen, wie die Stolpersteine in Nordhausen wahrgenommen werden und welche Rolle sie im Vergleich zu anderen Gedenkformen der Stadt besitzen. Doch das reichte den Gymnasiasten nicht aus und der Zufall kam ihnen zu Hilfe. Im Gespräch mit dem Kommunalpolitiker Stefan Nüßle eröffnete sich die Möglichkeit, ein Projekt anzuschieben, das die Digitalisierung der Nordhäuser Stolpersteine anvisierte. Über den Schulförderverein des Herder-Gymnasiums erfolgte die Antragstellung entsprechend des Bundesprogramms „Demokratie leben!“ kofinanziert durch das Thüringer Landesprogramm für Demokratie, Toleranz und Weltoffenheit einerseits sowie die Schuljugendarbeit der Stadt Nordhausen andererseits. Und seitdem recherchieren die vier Gymnasiasten, die 2018 ihr Abitur ablegen werden, im Stadtarchiv, interviewten Dr. Manfred Schroeter, der auch als Mit/Initiator der Nordhäuser Stolpersteine angesehen werden kann und intensiv zur Geschichte der jüdischen Bürger der Stadt in der Zeit von 1933-45 forschte, steckten mit der Beauftragten für Erinnerungskultur, Dr. Cornelia Klose, regelmäßig die Köpfe zusammen, ließen sich zu den Stätten jüdischer Geschichte in Nordhausen führen, organisierten in den Sommerferien eine Projektfahrt nach Auschwitz und und und. Als professioneller Partner konnte die Werbeagentur Plusgrad gewonnen werden, die den Schülern zum einen bei der Vorbereitung sämtlicher Zuarbeiten für eine App zur Seite stand und ihnen theoretische Grundlage für eine Digitalisierung vermittelte, zum anderen den Akt der Programmierung vornehmen wird.

Florian Sickert und Anny Samel ehren Emil Reichardt und legen Rosen auf den neu verlegten Stolperstein

In der Gruppe verfassten sie Texte zur Stolperstein-Aktion, zu rechtlichen Grundlagen einer Digitalisierung sowie zur Geschichte der Stadt Nordhausen in der Zeit des Dritten Reiches. Letzteres sei wichtig, um das Schicksal einzelner Personen, aber auch verschiedener Opfergruppen der nationalsozialistischen Zeit nachvollziehen zu können, so die Projektteilnehmer. Die Aufarbeitung und Modifizierung vorhandener Biographien zu den bereits 25 verlegten Stolpersteinen stellte für sie dabei eine zentrale Aufgabe dar. Doch für die vier Herder-Schüler war es mehr, schließlich verberge sich hinter jedem Stein ein individuelles Schicksal, das es zu würdigen gelte. Und für sie stand fest, im Rahmen dieses Projektes die Ehrung weiterer Opfer des NS-Regimes zu initiieren. Ihre persönliche Wahl fiel auf Emil Reichardt, nach dem in Nordhausen auch eine Straße benannt worden ist. Er stellt für sie durch seine Zivilcourage ein Bindeglied zu der Vielzahl der jüdischen Opfer, denen in der Stadt bisher 23 Steine gewidmet sind, dar. Als überzeugter Sozialdemokrat ließ er sich weder politisch verbiegen noch distanzierte er sich von dem jüdischen Geschäftsinhaber J. Pinthus, bei dem er als Hausmeister tätig war. Verhaftet, deportiert und ermordet – ein Leben ausgelöscht… An dieses Einzelschicksal möchten Anny, Viktoriya, Florian und Hannes erinnern und gleichzeitig das größte dezentrale Mahnmal Europas erweitern. Gemeinsam sponsern sie die Steinsetzung, die ausschließlich durch den Künstler Demnig selbst vorgenommen wird, und übernehmen die Patenschaft für Pflege und Putzaktionen. Nachdem am 22.3.2018 der kleine Messingstein im Bürgersteig der Rautenstraße würdig verlegt und an das Leben bzw. Wirken der Person E. Reichardt erinnert wurde, weisen weiße Rosen Passanten auf das Minidenkmal hin.

Gunter Demnig setzt den Stein für Arthur Warburg in der Karolingerstraße

In Zusammenarbeit mit Dr. C. Klose und Dr. M. Schroeter wurden mit einer fortsetzenden Projektgruppe weitere Steinsetzungen über das Bundesprogramm „Demokratie leben“ beantragt und vom Schulförderverein des Herder-Gymnasiums unterstützt. Fünf Schüler der Klassenstufe 11 des Gymnasiums in der Wiedigsburg fanden sich zusammen, um deren Biographien auszuarbeiten bzw. mit Hilfe des Stadtarchivs und der Recherche in der Literatur sowie im Internet zu ergründen: Aylin H., Paul Fiebig, Konrad Feil, Tobias Liebau und Oskar Nüßle. Sie waren es auch, die die weiteren Steinsetzungen am 22.3. würdig umrahmten und den Anwesenden das Schicksal des jüdischen Juristen Arthur Warburg, dem in der Karolingerstraße ein Stolperstein gesetzt wurde, sowie des Ehepaares Paul und Melanie Frohnhausen, deren letzter selbst gewählter Wohnort sich in der Osterstraße 18, heute A. Puschkin-Straße, befand, vor Augen führten.       
Konrad Feil, zugleich Schülersprecher des Herder-Gymnasiums, moderierte jeweils den Akt der Setzung, dankte allen Anwesenden für das Interesse und bekräftigte, dass die am Projekt Beteiligten stolz darauf seien, einen Beitrag zur Erinnerungskultur der Stadt Nordhausen leisten zu können.

Letzte Handgriffe der Verlegung des Steines für Emil Reichardt

Passgenaues Einfügen in den Bürgersteig der Rautenstraße

Schülergruppe schaut gebannt auf die Setzung des Steines von Emil Reichardt in der Rautenstraße

Stein Reichardt mit Rose

Stein Warburg