Die Projektgruppe 1: Digitalisierung der Nordhäuser Stolpersteine

Auf der Suche nach einem interessanten, historisch und regional orientierten Thema für ihre erste wissenschaftliche Arbeit im Rahmen des Seminarfaches stießen die Herder-Gymnasiasten Viktoriya Dorofeeva, Anny-K. Samel, Hannes Gerstenberger und Florian Sickert auf das Thema Stolpersteine und fanden in ihrer Kursleiterin Heike Roeder eine Befürworterin und Stütze. In Gesprächen mit dem Kommunalpolitiker und seit Juli 2016 1. Beigeordneten des Landkreises Nordhausen, Stefan Nüßle, sowie der Schulleitung des Herder-Gymnasiums ergab sich die Möglichkeit zu einem besonderen Projekt, der Digitalisierung der Nordhäuser Stolpersteine.

Anny Samel, Florian Sickert, Viktoriya Dorofeeva und Hannes Gerstenberger - v.l.

Bereits vor der Antragstellung über den Schulförderverein des Gymnasiums entsprechend des Bundesprogramms „Demokratie leben!“ kofinanziert durch das Thüringer Landesprogramm für Demokratie, Toleranz und Weltoffenheit beschäftigten sich die Schüler mit dem Thema Stolpersteine. Ihre Seminarfacharbeit Stolpern erwünscht! Auch digital? verstand sich als Basis für das Projekt. Dazu untersuchten sie die Stolpersteinaktion des Gunter Demnig, betrachteten die bisherige Aktion für Nordhausen und hinterfragten, wie in ihrer Stadt mit den bereits verlegten Stolpersteinen umgegangen wurde/wird. Zudem führten sie unter den Anwohnern eine Umfrage durch, um zu erfahren, wie sie die Stolpersteine wahrnehmen und zu einer Stolperstein-App stehen. Sie hinterfragten auch, was mit den Steinen weiter geschieht. Des Weiteren klopften sie rechtliche Aspekte bzgl. einer Digitalisierung ab und setzten das Projekt ins Verhältnis zu anderen Möglichkeiten des Erinnerns bzw. der städtischen Erinnerungskultur.

Die Abiturienten mit ihrer Seminarfacharbeit, die als Basis für die Projektarbeit diente

Im Zuge der Projektarbeit galt es, in Zusammenarbeit mit Fachleuten alle notwendigen Vor- sowie Zuarbeiten zur Umsetzung einer Stolperstein-App zu erbringen.         
Dazu gab es regelmäßige Treffen mit verschiedenen Experten: Für die Entwicklung der App erfolgte seit September 2016 eine Kooperation mit dem Mediengestalter Steffen Mund sowie dem Designer Andreas Hillmann (Werbeagentur Plusgrad). Hier wurden erste Ideen entwickelt und modifiziert, ein Terminplan erstellt, Design-Entwürfe diskutiert und hier konnte nach theoretischer Grundschulung zu Programmiersprachen dem Programmierer Sebastian Ziegler über die Schulter gesehen werden. Die Vorarbeiten waren vielfältiger Art. So mussten eigene Vorschläge für die App (Umfang, Menu, Extras, …) erstellt werden. Des Weiteren waren umfangreiche Recherchen zu Nordhausen in der Zeit des Nationalsozialismus und den Stolpersteinen sowie den Biographien, die sich hinter den Nordhäuser Steinen verbergen, notwendig. Bei Letzterem mussten vorhandene Informationen auf Korrektheit untersucht und eine weitere Biographie erarbeitet werden. Um eine Anschaulichkeit der geplanten App zu gewährleisten, waren Bildmaterialien zu suchen. Diese mussten gesichert, bezeichnet und zugeordnet werden. Zahlreiche Besuche des Stadtarchivs Nordhausen, die Unterstützung durch Dirk Schröter und die Beauftragte für Integration und Erinnerungskultur der Stadtverwaltung, Frau Dr. C. Klose, legten dafür die Basis.
Die Erkenntnisse und Ergebnisse waren in vorgegebenen Formaten zu sichern.

Im Gespräch mit Dr. Manfred Schroeter und Dr. Cornelia Klose

Da im Zuge der Präsentation des Projektes auch die Nordhäuser Stolpersteine erweitert werden sollten, erfolgten Absprachen mit Frau Dr. Cornelia Klose (sowie Dr. Manfred Schröter, für den die Erarbeitung des jüdischen Lebens während der NS-Zeit fast eine Lebensaufgabe darstellt; bereits zweimal bannte er das Schicksal der Nordhäuser Juden in Buchform), eine Terminreservierung für den Akt der Setzung sowie die Antragstellung.

Recherche im Stadtarchiv

Treffen in der Werbeagentur Plusgrad mit Steffen Mund und Philipp Belz

Besprechung der ersten Entwürfe für die App bei Plusgrad

Führung zu den Stätten jüdischen Lebens in Nordhausen mit Frau Dr. C. Klose

Projekttreffen zur Absprache mit Frau Dr. C. Klose im Gymnasium

Die Würdigung der Opfer des NS-Regimes in Form der kleinen Denkmale, die damit einerseits individualisiert an das Einzelschicksal erinnern und andererseits ein europaweites Gesamtdenkmal des politischen Künstlers G. Demnig symbolisieren, war und ist für die vier Abiturienten eine Herzensangelegenheit. Intensive Gespräche mit dem ehemaligen Bürgermeister Nordhausens, Dr. M. Schroeter, boten einen Einblick in die jüdische Geschichte der Stadt und offenbarte ihnen, dass dieser historische Hintergrund unbedingt vermittelt werden muss, wenn Stolpersteine thematisiert werden. Daher entschieden sie sich auch, dies in die App aufzunehmen. In Eigenregie nahmen sie zudem in Zusammenarbeit mit Dr. C. Klose an einer Führung zu den jüdischen Stätten in Nordhausen teil und organisierten in den Sommerferien 2017 eigenständig eine private Studienfahrt nach Krakau und Auschwitz. Neben dem Schindler-Museum erwies es sich für sie als Pflicht, die Gedenkstätte Auschwitz mit dem Stammlager sowie Birkenau zu besuchen und der Opfer zu gedenken. So sei es für sie nach dieser Erfahrung mehr als nur ein symbolischer Akt, gerade auch der Opfergruppe, die durch die Nationalsozialisten intensiv verfolgt und für die bisher in Nordhausen 23 der 25 bisher verlegten Stolpersteine gewidmet wurden, besondere Aufmerksamkeit zu schenken.

Stilles Gedenken am Ende der Rampe in Birkenau

Informierten sich über das Schicksal jüdischer Bürger in Auschwitz - hier Anny Samel, Viktoriya Dorofeeva und Florian Sickert

Florian Sickert im Gespräch mit Michael Samel, der die Gruppe durch die Gedenkstätte führte

Anny lokalisiert in der Ausstellung der Gedenkstätte den Heimatort Nordhausen an einer Karte mit den Außenlagern von Auschwitz

Anny und Viktoriya im Schindler-Museum


Um aber - auch im Sinne Demnigs - zu verdeutlichen, dass verschiedenen Opfergruppen zu gedenken ist, stellten sie in Absprache mit Dr. Klose und Dr. Schroeter die Setzung eines Steines für den Sozialdemokraten Emil Reichardt, dessen Schicksal eng mit dem jüdischen Bürger der Stadt Nordhausen verknüpft war. Sowohl die Finanzierung des Steins als auch die Patenschaft über diesen (Pflege, Putzen) übernehmen Anny, Viktoriya, Florian und Hannes selbst.
Steinsetzung für Emil Reichardt: 22. März 2018 um 13.00 Uhr durch Gunther Demnig sowie die Projektgruppe

Nach der Fertigstellung und Erprobung der App findet die öffentliche Präsentation nun in Absprache mit der Stadt an einem bewusst ausgewählten Tag statt: am 8. Mai 2018 (Lesesaal im Bürgerhaus).

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Diese Schülergruppe (Abitur 2018) beschäftigte sich seit Mai 2016 mit der Thematik und leistete in Zusammenarbeit mit der Stadt die Zuarbeiten für eine Digitalisierung der Nordhäuser Stolpersteine: Anny-K. Samel, Viktoriya Dorofeeva, Florian Sickert und Hannes Gerstenberger