„Man möchte immer weinen und lachen in einem“

Steffen Mensching liest im Herder-Gymnasium aus Revolutionstagebuch Victor Klemperers

Im letzten Jahr stand er als Faust auf der Nordhäuser Theaterbühne – Steffen Mensching. Der Rudolstädter Intendant inszenierte mit seinem Team das Schauspiel in historischer Aufführungspraxis und führte dem Publikum mit viel Musik faustische Grunderfahrungen, die auch unsere moderne Existenz kennzeichnen, vor Augen.

Am 8. März ist er auf der Bühne des Herder-Gymnasiums zu erleben – nicht als Faust, sondern als Sprachrohr eines anderen Geistes seiner Zeit: Victor Klemperer. Damit nimmt sich Mensching eines neuen Projektes an – das seine berufliche Vielseitigkeit nur noch unterstreicht.

Steffen Mensching wurde 1958 in Berlin (Ost) geboren. Er studierte an der Humboldt-Universität Berlin Kulturwissenschaft und arbeitete zwanzig Jahre freiberuflich. Bekannt wurde Mensching vor allem durch die Zusammenarbeit mit Hans-Eckardt Wenzel. Im September 1989 zählte er zu den Verfassern der Resolution von Rockmusikern und Liedermachern, die er auch zu Beginn von Veranstaltungen vorlas.    
Der Autor und Poet Mensching verfasste zahlreiche Bücher, z.B Jacobs Leiter, sowie Beiträge in Zeitschriften und ist Mitglied des PEN-Zentrums Deutschland.  Daneben begann er mit Regiearbeiten am Theater, so beispielsweise in Chemnitz und machte sich als Kulturwissenschaftler einen Namen. Er selbst bezeichnet sich auf seiner homepage zudem als Clown.

Nun wendet sich Mensching dem 1881 bis 1960 wirkenden Romanisten und Politiker Klemperer zu. Im Nachlass von Victor Klemperer wurde ein neues Tagebuch entdeckt. Es behandelt das Revolutionsjahr 1918 und zeigt Klemperer als talentierten Journalisten. Sein Pseudonym: Antibavaricus.          Marcel Reich-Ranicki läutete im Literarischen Quartett vor 20 Jahren die große Klemperer-Rezeption mit folgenden Worten ein: „Umwerfend. Ich habe Derartiges noch nicht in deutscher Sprache gelesen.“ Klemperers  Tagebücher von 1933-45 sowie seine Abhandlung LTI (Sprache des Dritten Reiches) katapultierten ihn auf Anhieb in den Status eines der wichtigsten Chronisten der NS-Zeit.

Der Klemperer-Nachlass, welcher von der Sächsischen Landes- und Universitätsbibliothek Dresden verwahrt wird, hat nun ein neues Stück Tagebuch preisgegeben. Zum ersten Mal gedruckt: Victor Klemperers Schilderung des Chaos nach dem Ersten Weltkrieg und des Scheiterns der Münchner Räterepublik. Solch genaue, anschauliche Momentaufnahmen aus der belagerten Stadt findet man nirgendwo sonst. Ein bewegendes, mit Spannung zu lesendes Gesamtbild von diesem entscheidenden Wendepunkt der deutschen Geschichte – aus der Revolution von 1918/19 ging nicht nur die erste deutsche Demokratie hervor, zugleich kündigte sich in ihr das kommende Unheil an.     
Andreas Kilb von der F.A.Z. bezeichnete „Diese Berichte und Notizen [als einen] wahrhaftigen Spiegel ihrer Zeit.“

Die Organisatoren der Veranstaltungsreihe Herder liest freuen sich, diese besondere Lesung anbieten zu können und laden recht herzlich am Dienstag, dem 8.März, um 19.30 Uhr dazu ein. (Eintritt: 5 €, Schüler, Studenten: 2€)