„Herder liest“ setzt literarische Akzente

41 Veranstaltungen in 10 Jahren des Bestehens der Lesereihe

Nach zwei erfolgreichen Leseabenden, die in Zusammenarbeit von Dietrich Rose, Inhaber des gleichnamigen Nordhäuser Buchhauses, und dem dreiköpfigen Organisationsteam am Staatlichen Herder-Gymnasium eine Umsetzung fanden, wurde ein Kooperationsvertrag abgeschlossen. Schulleiter Uwe Spieß und Dietrich Rose unterzeichneten das Schriftstück für die Veranstaltungsreihe „Herder liest“ und besiegelten damit das Vorhaben, einem langjährigen Zusammenwirken den vertraglichen Weg zu ebnen.

Eine Zusammenarbeit zwischen den jetzigen Kooperationspartnern gab es bereits seit Jahren. Neben Bücherbestellungen wurden die Lesewettbewerbe der Klassenstufen 6 gemeinsam ausgestaltet und Buchpreise für besondere Leistungen etc. von Dietrich Rose zur Verfügung gestellt. Dabei fand sich auch immer Zeit zwischen den Beteiligten, über Literatur, Neuerscheinungen auf dem Büchermarkt oder Autoren ins Gespräch zu kommen. Und diese Gesprächskreise und diese Anregungen sollten nun einem breiten Publikum zugänglich gemacht werden.

Die Idee, eine Lesereihe ins Leben zu rufen, reifte demnach seit dem Frühjahr 2005. In Dietrich Rose fand man dabei einen engagierten und finanzierungsbereiten Partner. Seitdem steckten die drei Initiatoren am Herder-Gymnasium, Susanne Lägel, Heike Roeder und Jürgen Wünsche, regelmäßig mit Rose die Köpfe zusammen und entwickelten Visionen für eine außerschulische Zusammenarbeit. Ihr Anliegen besteht darin, den interessierten Leser auf ausgewählte Pfade im Dschungel des Büchermarktes zu begleiten, auf literarische Neuerscheinungen hinzuweisen und Impulse für die individuelle Lektüre zu geben. Dabei setzen die Veranstalter auf den im Leben wie im Schreiben gewonnenen Erfahrungsschatz erfolgreicher, etablierter Autoren als auch auf das literarisch wertvolle Schaffen junger Schriftsteller. Ihnen ist es wichtig, ins Gespräch zu kommen, über Literatur, persönliche Beweggründe der Verfasser sowie Sichtweisen von Rezipienten. Und deshalb sollen auch Themen- und Textsortenbreite gewahrt werden: Von Lyrik über Erzählbände, Romanformen und dramatischen Texten bis zu Autobiographien – alles ist drin!

So nahm die Veranstaltungsreihe „Herder liest“ rasch Formen an.

Für die Auftakt-Lesung konnte im November 2005 Erich Loest gewonnen werden, der mit seinem „Sommergewitter“ den regionalgeschichtlichen Bezug zum Arbeiteraufstand des 17. Juni 1953 herstellte. Mehr als 100 Interessierte fanden den Weg in die Wiedigsburg. Rolf Hochhuth las vor knapp 200 Zuschauern, die trotz Fußball-WM und Hitze der Einladung gefolgt waren, und präsentierte sich als Kenner der Zeitgeschichte, der Probleme aus Vergangenheit und Gegenwart nicht umschifft. Auch Thomas Brussig oder Franziska Gerstenberg gehörten bereits zu den Autoren, die die Leseabende bereicherten und vor allem auch das junge Publikum zur Diskussion anregten. Das Interesse an dem Kolumnisten Harald Martenstein sowie dem Deutschen Buchpreis-Träger  2011 Eugen Ruge ließ die Aula aus allen Nähten platzen. Besonders beeindruckte im Februar 2012 der Erzählabend des in Syrien geborenen Rafik Schami. Sehr emotional gestaltete sich die Lesung Jeniffer Teeges, die die Verknüpfung ihrer Lebensgeschichte mit der Amon Göths (und damit der des als Schlächter bezeichneten KZ-Kommandanten) vorstellte. Siegrid Damm-Fans werden sich gefreut haben, die Goethe-Kennerin vor Ort bereits zweimal lesend erleben zu können. Kunstfreunde haben sicher zu Gästen der Worpswede-Lesung 2015 gehört, genauso wie die, die Sprache als Erlebnis und Genuss mit  Thomas-Meyer und seinem Motti Wolkenbruch erfuhren. 

Und … und … und …

Nach den erfolgreichen Lesungen sind sich die Initiatoren daher sicher, dass es sich lohnt, die Kooperation und damit die Reihe fortzusetzen, sehen deren Existenz als Gewinn für das kulturelle Angebot in Nordhausen an. Vertraglich wurde die gemeinsame Planung und Durchführung aller, in loser Folge angesetzten Veranstaltungen, die generell entsprechend der Namengebung in der Aula der Wiedigsburg stattfinden werden, bereits 2005 festgehalten. Das über hundert Jahre alte  Schulhaus öffnet dazu gern seine historischen Pforten. Interessen, Angebote und aktuelle Ereignisse bestimmen dabei die Inhaltsauswahl der Abende.

Bereits im Juni 2005 gestalteten die Organisatoren einen ersten Abend im Haus. Patrick Süskinds Monodram „Der Kontrabass“, aufgeführt durch das Tourneetheater Ensemble Radiks, fand großen Zuspruch und setzte die Vorstellung, ausgewählte Sonderveranstaltungen unter dem Titel „Herder liest – Extra“ anzubieten, erstmals um. Neben dramatischen Umsetzungen belletristischer wie literarisch anspruchsvoller Bücher sollen auch literarische Eigenproduktionen von Schülern präsentiert werden. Zudem eröffnen die Extras die Möglichkeit, auch Sach- und Dokumentarbücher vorzustellen. So gab es bereits weitere Extras, so z.B. die Lesung des gebürtigen Nordhäusers Mathias Uhl, der bisher unveröffentlichte Dokumente des Moskauer Staatsarchivs übersetzte und auswertete und damit einem weiten Leserkreis zugänglich machte, in welchem Verhältnis Hitler und Stalin tatsächlich standen. Der Autor Jörg Friedrich, der in „Der Brand“ den Bombenkrieg über Deutschland thematisierte sowie ein kolossales Gemälde menschlichen Leids und des unwiederbringlichen Verlusts an Kulturgütern zeichnete, entfachte eine z.T. emotional geführte Debatte mit seinem Buch „Yalu“. Weitere Höhepunkte setzten die Lesekonzerte des Norwegers Ketil Björnstad sowie der Niederländerin Anna Enquist oder der erst kürzlich für die jüngeren Zuschauer angebotene Vormittag zu afrikanischen Märchen, den der aktuelle Preisträger des Thüringer Märchenpreises, Dr. Mensah W. Tokponto aus dem westafrikanischen Benin durchführte.  Wibke Bruhns, vielen  als erste weibliche Nachrichtensprecherin bekannt, bot einen Einblick in diese Zeit und die Geschichte ihrer Familie.

Dass die Veranstalter auch Humoristisches zum Repertoire zählen, zeigten z.B. Bonner und Weiss mit ihrer szenischen Lesung zu „Generation doof“. Und manchmal sprechen sie ein sehr ausgewähltes Publikum an:  Doppel U  als Rapper mit gehaltvollen Texten (Rap macht Schule) vor der begeisterten Schülerschaft umsetzte während Timo Parvela mit seiner Kinderbuchheldin Ella die Herzen der jüngeren Zuschauer im Sturm eroberte.

Über 40 Veranstaltungen wurden bisher liebevoll vorbereitet, individuell ausgestaltet und moderiert. Einige Besucher zählen bereits zum Stammpublikum, das zahlreiche Abende in der Wiedigsburg genießen und viele Eindrücke mit nach Hause nehmen konnte. Die Organisatoren erhalten Rückendeckung durch die Schulleitung und tatkräftige Unterstützung durch Holger Barsch und Uta Aschenbrenner für die digitale bzw. künstlerische Ausgestaltung der Lesungen. Wilhelm König, Stellvertretender Schulleiter am Herder-Gymnasium, würdigt das Engagement seiner Kollegen, das auch dazu beitrage, den Namen der Schule öffentlichkeitswirksam und mit einem hohen Anspruch zu vertreten.